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Nachhaltige Entwicklung - Ein Konzept von gestern?

Written by Yves PAQUET 13-05-2010

Gespräche mit Diplomaten sind immer interessant. Meistens weil ich bewundere wie man eine halbe Stunde reden kann ohne auf den Punkt zu kommen. Manchmal, bei einem Bier in gemütlicher Atmosphäre kanns aber auch erfrischend ehrlich werden. So Freitag, bei einem Gespräch mit einem deutschen Diplomaten. "Nachhaltige Entwicklung? Das ist doch so 90er Jahre! Das neue Zauberwort der Medien und Politiker heisst Klimawandel." Für einen Diplomaten, der sich in einer Kommission für nachhaltige Entwicklung befindet, find ich diese Aussage doch sehr aufschlussreich. Zeit also sich zu fragen was wir hier alle, die Staaten und Organisationen, eigentlich tun und warum.

"Nachhaltige Entwicklung "soll den Wohlstand der heutigen Generation sichern, ohne den künftiger Generationen zu gefährden. So lautet die offizielle Position der Vereinten Nationen. Wenn man sich in den letzten zwei Wochen die gesamten Statements der Staaten und Organisationen anhört, bekommt man allerdings das Gefühl das Nachhaltigkeit vielen als rettendes Argument dient: den Regierungen, die zugleich die Intensivlandwirtschaft nach Kräften fördern; den Chefs multinationaler Konzerne, die die natürlichen Ressourcen bedenkenlos aufbrauchen und die Umwelt mit Abfällen belasten und den Nichtregierungsorganisationen, die im Grunde nicht mehr so recht wissen, was sie tun sollen um den "Big Players" ins Gewissen zu reden. Denn der Erde geht es zum Teil schlecht, sehr schlecht (siehe jüngstes Beispiel: Ölkatastrophe im Golf von Mexico). Dabei wurden die wichtigsten Übel bereits vor achtzehn Jahren auf dem ersten Erdgipfel von Rio diagnostiziert: Das Klima erwärmt sich, Trinkwasser wird knapp, riesige Waldflächen werden vernichtet, über eine Milliarde Menschen leben in extremer Armut. In Rio räumten die Staatsoberhäupter ein, dass "die Hauptursache für die allmähliche Zerstörung der Welt in den nicht nachhaltigen Verbrauchs- und Produktionsverhalten - insbesondere in den Industrieländern - zu sehen ist, die Anlass zu ernster Besorgnis geben und zunehmende Armut und Ungleichgewichte verursachen" (Artikel 4 der Agenda 21).

Laut kritischen Experten (die gleich mehrfach bei der diesjährigen Kommission für nachhaltige Entwicklung Vorträge gehalten haben) weist das Konzept der nachhaltigen Entwicklung einen grundsätzlichen Denkfehler auf. Es geht davon aus, dass sich die Fortsetzung grenzenlosen Wachstums mit der Wahrung der natürlichen Gleichgewichte und der Lösung sozialer Probleme vereinbaren lasse. So heißt es ja auch im Brundtland-Bericht, wo zum ersten Mal der Begriff "Nachhaltige Entwicklung" verwendet wurde: "Wir brauchen eine neue Wachstumsära, ein ebenso kräftiges wie sozial- und umweltverträgliches Wachstum." Diese Aussage beruht auf zwei äußerst schwachen Annahmen.

Zum einen geht es davon aus, dass weiteres Wachstum für die Umwelt unbedenklich sei, weil man mit dem technischen Fortschritt immer weniger Naturressourcen braucht um  zu produzieren. Konkret heisst das, dass sich mit immer geringerem Rohstoff- und Energieeinsatz immer mehr produzieren lasse. Vergessen wird dabei, dass der sinkende Einsatz von Rohstoffen und Energie durch die zunehmende Produktion mehr als aufgewogen wird. Die Entnahme von Naturressourcen und die Verschmutzung der Umwelt nehmen also weiterhin zu, wie ein Bericht des UN-Entwicklungsprogramms an einem Beispiel aufzeigt: "Weltweit zeichnet sich die Produktion in den verschiedenen Industrien seit einigen Jahren durch sparsameren Energieverbrauch aus. Angesichts des steigenden Produktionsvolumens reichen diese Fortschritte jedoch bei weitem nicht aus, um die weltweiten Kohlendioxidemissionen zu reduzieren." Fragwürdig ist auch die zweite Annahme des Brundtland-Berichts, Wirtschaftswachstum könne Armut und Ungleichheit abbauen. Dem steht entgegen, dass kapitalistisches Wachstum notwendig mit Ungleichheit einhergeht: "ein Prozess des Aufbauens und Zerstörens, der von der Ungleichheit nachgerade zehrt, um beständig neue Bedürfnisse zu schaffen - und zu enttäuschen" (Karl Marx). Im Kapitalismus gibt es immer einen Gewinner und einen Verlierer, das ist sein Wesen schlechthin. Die Ungleichheit ist trotz des erheblichen Reichtumszuwachses in den letzten vierzig Jahren sprunghaft angestiegen. Sogar die Weltbank räumte kürzlich ein, dass das Ziel, die Zahl der in absoluter Armut lebenden Menschen bis 2015 zu halbieren (ein Millenium Development Goal), nicht erreicht werden wird. Mehr als 1,1 Milliarden Menschen müssen nach wie vor mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen.

Die Hauptschwäche der nachhaltigen Entwicklung liegt für die grosse Mehrheit benachteiligter Staaten ohne Frage darin, dass man sich eine Zukunft außerhalb des Wachstumsparadigmas einfach nicht vorstellen kann. Allen sozialen und ökologischen Zerstörungen zum Trotz ist kein Politiker bereit, nachhaltige Entwicklung losgelöst von Wachstum zu denken, das insofern wie eine harte Droge wirkt. Hohe Wachstumsraten schaffen die Illusion, Wachstum könne die Probleme lösen, die es größtenteils selbst verursacht hat - je höher also die Dosis, desto besser gehe es der Gesellschaft. Bei geringen Wachstumsraten entstehen Entzugserscheinungen, die umso schmerzhafter sind, als keine Alternative vorgesehen ist.

Am anderen extremen Ende platzieren sich entwicklungskritische NGOs die eine sogenannten "Wachstumsrücknahme" fordern. Wachstumsrücknahme  allen Menschen zu verordnen, ob sie im Überfluss leben oder am Existenzminimum vegetieren, ist allerdings auch nicht gerecht. Die armen Länder haben meiner Meinung nach ein Recht auf zeitweiliges Wachstum. Wer Analphabetismus bekämpfen will, muss Schulen bauen, wer die Gesundheitsversorgung verbessern will, muss Krankenhäuser bauen, wer die Menschen mit Trinkwasser versorgen will, muss eben die Leitungsnetze ausbauen. So besteht die Gefahr, dass diese Wachstumsrücknahme ebenso wie der wirtschaftliche Wachstum zum Selbstzweck wird, dh. das man diese nur um ihrer selbst willen betreibt und sich nicht mehr die Frage stellt wozu das ganze denn überhaupt gut ist. 

Einer der interessantesten Vorträge in diesen zwei Wochen kam von einem Experten der vorschlug, Wachstum und (nachhaltige) Entwicklung als zwei verschiedene paar Schuhe anzusehen. Ebenso fand er, dass der Kapitalismus ein Interesse daran hat, den Glauben zu verbreiten, dass Wachstum und Entwicklung stets zusammengehören und das Wohl der Menschheit sich nur durch die ständige Ausweitung der Produktion verbessern lasse. Wir sollten daher mit Blick auf die Zukunft an einer radikalen Unterscheidung zwischen diesen beiden Begriffen arbeiten: Eine Steigerung des Wohlbefindens der Menschen lässt sich nur jenseits der Entwicklung endlos gesteigerter Produktion und des Konsums realisieren. Der Begriff der nachhaltigen "Entwicklung" ist also inhaltlich ebenso in Frage zu stellen wie der des Wachstums, mit dem er untrennbar verbunden ist. Man bräuchte also eine sogenannte "differenzierte" Entwicklung die den Ärmsten einen gewissen Wachstum ermöglicht, dabei allerdings den Reichsten eingeschränkte Wachstumsraten abverlangt. Denn die notwendige Entwicklung der Ärmsten bedeutet zwangsläufig den Verzicht auf die grenzenlose Entwicklung der Reichen.

 

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